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Lieber Herr Doktor (1977)

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Lieber Herr Doktor (1977)

Ein Film greift ein: Der Kampf um die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs

1977 kam es in der Schweiz zu einer Abstimmung über die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Der Film Lieber Herr Doktor (1977) wurde realisiert, um die Eidgenössische Volksinitiative für die Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch (kurz Fristenlösungsinitiative) zu unterstützen. Der Film ist politisch motiviert, will aufklären und bilden, sorgte für Aufsehen und löste zahlreiche Diskussionen aus. Angestossen und realisiert wurde er von der Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, die sich aus Vertreter:innen verschiedener kulturell und sozialpolitisch engagierter Kollektive zusammensetzte: der Vereinigung unabhängiger Ärzte Zürich (VUAZ), der Informations- und Beratungsstelle für Frauen (INFRA) und dem Filmkollektiv Zürich.

Das Filmkollektiv Zürich ging 1975 aus dem 1972 gegründeten Filmverleih Filmcooperative hervor. Filmtechniker:innen und -autor:innen schlossen sich zusammen, um sich gegenseitig bei der Filmproduktion zu unterstützen. Bei der Gründung waren dies Hans Stürm, Georg Janett und Marlies Graf. Bis zur Auflösung im Jahr 2018 produzierte das Filmkollektiv über 70 Filme von Regisseur:innen wie Yves Yersin, Alexander J. Seiler, Richard Dindo, Marlies Graf oder Gertrud Pinkus. Die Produktion umfasste Spiel-, Dokumentar- sowie politisch motivierte Interventionsfilme, wie Lieber Herr Doktor.

Eine Informationsbroschüre der Frauenbefreiungsbewegung (FBB) informiert über die damalige Gesetzeslage zu Abtreibungen, die Kosten eines Abbruchs und berichtet von negativen und problematischen Erfahrungen von Frauen bei Konsultationen bei Frauenärzt:innen. Die FBB entstand im Kontext der Frauenbewegung der 1968er Jahre aus einem Zusammenschluss von verschiedenen feministischen Gruppen und Netzwerken. Auch die am Film beteiligte INFRA war Teil der FBB und spielte eine entscheidende Rolle bei der Realisierung des Films.

«In der Schweiz gilt heute die Abtreibung immer noch als kriminell und wird mit Gefängnis bestraft. Straflos ist die Abtreibung nur, wenn die Frau in Lebensgefahr schwebt und keine anders abwendbare Möglichkeit besteht.»

Flyer FBB, ca. 1970er Jahre

Die INFRA war eine ehrenamtlich geführte Anlaufstelle in Zürich, die Beratung für Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen anbot. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Angebots war die Vermittlung von Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen. Ein Flyer zeigt, wie die INFRA auf ihr Angebot aufmerksam gemacht hat.

Die Vereinigung unabhängiger Ärzte wurde 1975 in Zürich gegründet und war ein Zusammenschluss sozial engagierter Ärzt:innen. Der Arzt Peter Frei wirkte in Lieber Herr Doktor mit. Die Bilder zeigen eine Sprechstunde mit einer Patientin, Yvonne, die sich dazu bereit erklärte, die Abtreibung filmen zu lassen.

Pressebild, 1977, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Fotogramm, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Pressebild, 1977, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Auf der Rückseite eines Flyers beschreibt die Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, inwiefern sie ihren Film als emanzipatorisch versteht.

«‹Emanzipatorischer› Film heisst für uns nicht, den Zuschauer zu der Meinung zu bringen, die wir von ihm erwarten. Es heisst aber, den Zuschauer überhaupt zu motivieren, seine Meinung, wie sie auch immer sei, zu reflektieren, sie auszudrücken, sich persönlich in einem Votum auszudrücken.»

Flyer, Filmkollektiv/Filmcooperative Zürich, 1977

Wie viele feministische Filme der damaligen Zeit zirkulierte der Film in Aufführungskontexten ausserhalb des Kinos. Ein weiterer Flyer gibt präzise Anweisungen zum Verleih des Films und wie er eingesetzt werden kann.

Der Film zeigt dokumentarische Aufnahmen eines Schwangerschaftsabbruchs, eine Diskussionsrunde in der Gemeinde Ennenda im Kanton Glarus sowie Porträts mehrerer Frauen, die von ihren Abtreibungserfahrungen berichten. Die im Film enthaltene 15-minütige Szene einer Abtreibung wurde bereits vor der Fertigstellung von Lieber Herr Doktor dazu eingesetzt, um über die Fristenlösungsinitiative zu diskutieren. Der folgende Filmausschnitt zeigt die Diskussionsrunde in Ennenda. Vorher war den Teilnehmenden die Abtreibungsszene gezeigt worden. Die Bewohner:innen der Gemeinde vertreten unterschiedliche Positionen, wodurch eine angeregte Diskussion entsteht.

Fotogramm, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Fotogramm, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Fotogramm, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Fotogramm, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Ein in der Cinémathèque suisse überliefertes Sitzungsprotokoll zeigt gemeinsame Interessen als auch Auseinandersetzungen auf, die kollektive Filmarbeit mit sich bringen kann. Drei ehemalige Mitglieder der Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch schildern im Interview, wie sich die Zusammenarbeit gestaltete und wie der Film insgesamt aufgenommen und diskutiert wurde. Die Künstlerin und Grafikerin Helen Pinkus-Rhymann (geb. 1942) war Teil der INFRA und FBB, der Beleuchter André Pinkus und die Kostüm- und Produktionsdesignerin Sylvia de Stoutz waren aktive Mitglieder des Filmkollektiv Zürich.

Marianne Fehr und Rahel Zschokke veröffentlichten für die Solothurner Filmtage 1977 einen informativen Text zu Lieber Herr Doktor. Darin legen sie dar, inwiefern ein solches politisches Filmschaffen, das Interessen unterschiedlicher Gruppierungen berücksichtigen will, nach neuen Formen der Zusammenarbeit und Darstellungsweisen verlangt und grenzen sich vom klassischen Autor:innenfilm ab.

«In diesem Film hätte ein Autor mit dem Anspruch, sich selbst realisieren zu wollen, keinen Platz gehabt. Wohl wäre ein Kunstfilm möglich gewesen, aber mit anderen Ansprüchen, mit anderem Inhalt, in anderer Form. Die Zielsetzung, einen Diskussionsfilm zu einem politisch aktuellen Thema zu machen, die direkte Partizipation von Betroffenen (Frauen) erforderten eine qualitativ andere Art von Zusammenarbeit.»

Marianne Fehr/Rahel Zschokke,  Information 1977

Die drei Frauen Steffi, Jona und Françoise erzählen im Film von ihren Erfahrungen.

Pressebild, 1977, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Pressebild, 1977, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Pressebild, 1977, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Auch Freddy Buache, Filmkritiker, -historiker und ehemaliger Direktor der Cinémathèque suisse, äusserte sich in einer Kritik zum Film zu dessen politischer Relevanz in der Zeitung Tribune (1977).

«Dieser Film, ohne den Anspruch zu haben, dem Publikum irgendeine Lösung zu präsentieren, scheint mir das seltene Verdienst zu haben, auf eine klare Weise zu zeigen, dass diese grundlegenden Entscheidungen, trotz der unbeschwerten Ahnungslosigkeit der Massen und der illusorischen egoistischen Glückseligkeiten der Mantiden, immer weniger leicht zu umgehen sind. Die Zukunft von allen beginnt mit der Art und Weise, wie wir jeweils unsere Gegenwart leben. Es gibt arrogante Lügen, die weit krimineller sind als die schmerzhafte Wahrheit einer Abtreibung.»

Fredddy Buache, Tribune, 1977

Fotogramm, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Fotogramm, Lieber Herr Doktor, Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, 1977, Cinémathèque suisse

Der Film Lieber Herr Doktor wurde 2024 von der Cinémathèque suisse restauriert und digitalisiert.