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Jugend und Sexualität (1979)

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Jugend und Sexualität (1979)

Progressiver Sexualunterricht in Urdorf: Der Film eines Frauenkollektivs löst Diskussionen aus

Die Idee zum Film Jugend und Sexualität entstand im Rahmen der legendären Ausstellung Frauen sehen Frauen. Eine wilde, aufregende und gefährliche Schau, die 1975 in der Städtischen Galerie zum Strauhof in Zürich stattfand. Die Soziologin Ellen Meyrat, die in der Ausstellung eine Hörkabine mit Abtreibungsgeschichten gestaltet hatte, machte andere Frauen darauf aufmerksam, dass im Kanton Zürich über die Einführung von Sexualerziehung an Schulen debattiert wurde. Ellen Meyrat, die Regisseurinnen Tula Roy und Lili Sommer, die Fernsehmoderatorin Madeleine Hirsiger und die Cutterin Marianne Jäggi schlossen sich darauf zu dem Kollektiv Werkfilm zusammen, das den 1979 veröffentlichten Kurzdokumentarfilm Jugend und Sexualität realisierte.

Der didaktische Text auf dem Flyer erläutert die progressive Haltung des Films und benennt mögliche Zielgruppen.

Pressebild, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1979, Cinémathèque suisse

Jugend und Sexualität porträtiert die Schule Urdorf, die im Bereich der Sexualerziehung eine Vorreiterrolle einnahm. Seit 1971 fand hier mit Einwilligung der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich Sexualkunde auf allen Altersstufen statt, wobei sich zum Zeitpunkt des Films die dritte Versuchsphase dem Ende zuneigte. Im Zentrum steht der progressive Lehrer Alfred (Fredi) Bruppacher, der mit seinen Schüler:innen Sexualität, Geschlechterverhältnisse und Selbstbefriedigung thematisiert und sich an einem Elternabend den Fragen der Eltern stellt.  

Fotogramm, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1980, Cinémathèque suisse

Fotogramm, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1980, Cinémathèque suisse

Fotogramm, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1980, Cinémathèque suisse

Fotogramme, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1980, Cinémathèque suisse

Ebenso kommen Jugendliche aus Geroldswil zu Wort, die offen über Sexualität, Aufklärung und Beziehungen diskutieren. In der Theatergruppe Kasch mi gärn ha aus Basel wiederum stellen Jugendliche in einem Theaterstück exemplarisch ihre Erfahrungen dar. 

Pressebild, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1979, Cinémathèque suisse

Pressebild, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1979, Cinémathèque suisse

Pressebild, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1979, Cinémathèque suisse

Fotogramm, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1980, Cinémathèque suisse

Fotogramm, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1980, Cinémathèque suisse

Der Bestand von Tula Roy und Christoph Wirsing ist in der Cinémathèque suisse archiviert. Darin sind auch Arbeitsmaterialien zu finden, wie dieser Kontaktabzug mit Fotografien des Theaterstücks.

Proben zum Theaterstück «Chasch mi gärn ha», Kontakabzug, Jugend und Sexualität, Ellen Meyrat, Lili Sommer, Madeleine Hirsiger, Marianne Jaeggi, Tula Roy (Kollektiv Werkfilm), 1979, Cinémathèque suisse

Eine Einladung der Elternschulkommission dokumentiert eine Aufführung des Films am 27. März 1980 in der Schule Urdorf, zu der auch die Regisseurin Tula Roy eingeladen war. Sie diskutierte mit Eltern, Schüler:innen, Lehrpersonen und Werner Tobler, Mitglied der Projektgruppe Sexualerziehung am Pestalozzianum, das im Auftrag des Kantons Zürich die Einführung der Sexualerziehung in den Schulen des Kantons verantwortete. 

Auf dem Flyer findet sich die handschriftliche Notiz «Gruss Fredi».

Die 1934 geborene Tula Roy gehört zu der ersten Generation von Frauen, die sich in den 1970er Jahren als Regisseurinnen etablierten. In der Ausstellung Frauen sehen Frauen war sie mit ihrem gemeinsam mit Christoph Wirsing realisierten Erstlingswerk Lady Shiva oder: «Die bezahlen nur meine Zeit» vertreten. Im Interview erinnert sie sich an die Entstehungsgeschichte von Jugend und Sexualität und die Reaktionen auf den Film. 

Am 28. Januar 1981 wurde Jugend und Sexualität im Schweizer Fernsehen gezeigt. Wie Dokumente im Bestand von Tula Roy und Christoph Wirsing zeigen, fielen die Reaktionen auf den Film heftig aus.

«Wenn schon Sexualunterricht, dann sollte er auf den Aufbau und die Funktion des Körpers beschränkt bleiben. Persönliche Ansichten des Lehrers dürften da keinen Platz haben!»

Leser:innenbrief ans Schweizer Fernsehen, 9.2.1981

«Ihre Sendung über das obige Thema war Klasse. Endlich lernte man einen Lehrer kennen, der mit seinen Schülern unbeschwert über dieses heikle Thema sprechen konnte.»

Leser:innenbrief ans Schweizer Fernsehen, 9.2.1981 

Der Satz zur Homosexualität, der diese auf die Enttäuschung von Frauen innerhalb heterosexueller Beziehung zurückführt, irritiert in diesem grundsätzlich progressiven Leserbrief. Auch im Film macht Alfred Bruppacher problematische Aussagen, die auf die damalige Tabuisierung von Homosexualität verweisen.

Laut einem Artikel im Tages-Anzeiger folgten am 25. Februar zwei weitere Sendungen zum Thema: Die Sendung Blickpunkt zeigte ein zehnminütiges Porträt von Niklaus Oertly, der den religiösen Verein besorgter Eltern präsidiert. Anschliessend fand in der Sendung Spuren eine Diskussion zur Sexualerziehung in der Schule statt. Der Artikel kommt zum Schluss, dass die Proteste in Urdorf nicht primär von Eltern ausgingen, sondern von verschiedenen religiösen Organisationen und Personen, die auch gegen Schwangerschaftsabbrüche politisieren. 

Laut des Artikels im Tages-Anzeiger gab der Verein besorgter Eltern seit drei Jahren das Vereinsblatt Aufblick. Zeitung des Vereins besorgter Eltern heraus. Im Interview liest Tula Roy aus dem Aufblick Nr. 16, Februar 1981. Der Lehrer Alfred Bruppacher wird darin massiv angegriffen, während ihn die Schüler:innen in einem ursprünglich in der Limattaler Zeitung abgedruckten Leserbrief verteidigen.  

«Es ist nicht wichtig, ob dieser Film gut ist, sondern was er auslöst.»

Bernd Steiger, Tages-Anzeiger, 24.11.1979

Bernd Steiger zitiert in seinem Artikel im Tages-Anzeiger die Autorinnen: «Über den Film wird meist wenig diskutiert. Die Sexualerziehung, der Urdorfer Schulversuch – dazu werden wir mit Fragen jedesmal fast überrannt.» Beziehen konnte man den Film für 90 Franken beim Verleih Filmpool, Zürich.

Wie Tula Roy im Interview erwähnt, traf sich das Kollektiv Werkfilm oft bei ihr Zuhause in Islisberg. Zuoberst abgebildet auf dem Kontaktabzug mit dem Titel Islisberg Werkfilm ist auch Tula Roys Lebenspartner und Co-Regisseur vieler Filme, der Kameramann Christoph Wirsing.  

Kontaktabzug, 1975, Cinémathèque suisse

Kontaktabzug, 1975, Cinémathèque suisse

Der Film Jugend und Sexualität wurde 2020 von der Cinémathèque suisse digitalisiert.