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Il Valore della donna è il suo silenzio (1980)

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Il Valore della donna è il suo silenzio (1980)

Das Schweigen brechen: Filmische Reisen zwischen Italien, Deutschland und der Schweiz

Gertrud Pinkus (geb. 1944) wechselte 1971 zum Film, nachdem sie zuvor als ausgebildete Bühnenbildnerin beim Theater gearbeitet hatte. Das Filmhandwerk erlernte sie in der Gruppe Scope-Film in Frankfurt. Mit ihrem ersten längeren Film Il Valore della donna è il suo silenzio (1980), einem vielschichtigen Porträt über die Lebensrealitäten italienischer Emigrant:innen in Frankfurt, wurde sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Der Film war auf Anhieb ein Erfolg und gewann mehrere Preise, darunter den Bundesfilmpreis in Deutschland und den Zürcher Filmpreis. Einzigartig war die innovative Machart dieses Films, da er auf neue Art und Weise Elemente des Dokumentar- und Spielfilms verwebte.

Wie Gertrud Pinkus in Interviews betont, handelt Il Valore della donna è il suo silenzio vom Schweigen. Ursprünglich als Dokumentarfilm geplant, war die Angst der in Frankfurt lebenden Italienerinnen, sich in einem Film öffentlich zu zeigen, zu gross. Gertrud Pinkus entschied sich daher, einen Spielfilm mit Laienschauspieler:innen zu realisieren. Diese stellen, wie es der Flyer zum Film beschreibt, die Lebensgeschichte der Maria M. dar.

«Damit Maria M. unerkannt bleiben kann, haben andere italienische Emigranten ihre Geschichte im Film dargestellt. Maria Tucci-Lagamba, selbst Emigrantin aus dem Süden, Mutter von zwei Kindern und Verkäuferin in einem Supermarkt in Frankfurt/M., hat die Rolle der ‹Maria› übernommen. Ihr Bruder übernahm die des Ehemanns ‹Giacomo›, Kinder aus der Verwandtschaft und andere italienische Freunde wirken im Film mit.»

Flyer, Filmcooperative Zürich, 1980

Die folgenden Bilder zeigen Gertrud Pinkus mit Maria Tucci-Lagamba und ihrem Bruder, der im Film ihren Ehemann Giacomo spielte sowie Dreharbeiten in einer Fabrik von Landis & Gyr in Frankfurt.

Fotografie Dreharbeiten, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980

Fotografie Dreharbeiten, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

In einem Gespräch in der sozialistischen Zeitung Vorwärts spricht Gertrud Pinkus 1981 über ihre subversive Herangehensweise beim Filmemachen. Dabei beschreibt sie persönliche Erfahrungen als Ausgangspunkt und das Anliegen, mit dem Medium Film gesellschaftliche Kritik zu äussern und Missstände zu benennen.

«Mein Anliegen war, das Leben einer Nachbarin, einer Freundin aus Sizilien zu zeigen, die in die Psychiatrie eingeliefert wurde, weil sie Tabletten schluckte und Alkohol trank, ohne dass jemand von ihr Notiz genommen hätte. Diese Frau hat mir einfach einen so starken seelischen Druck gegeben… und diesen Druck wollte ich nicht verdrängen, ich musste ihn verarbeiten. Auch ich war Hausfrau, und es hat sehr viel von mir in diesem Film drin. Mir ging es darum, zusammen mit diesen Frauen etwas herauszuschreien, etwas, was einfach nicht tragbar ist, ein Skandal ist – und jetzt ist der Film abgeschlossen…»

Gertrud Pinkus, Vorwärts, 1981

Das erste der folgenden Bilder zeigt Maria beim Zählen. Sie hat eine neue Stelle in einer Fabrik angenommen und nun ein eigenes Lohnkonto. In der Grundschule, die sie vier Jahre besucht hatte, lernte sie das Rechnen mit getrockneten Bohnen, Erbsen und Linsen. Nun überprüft sie auf diese Weise ihre Bankauszüge. Dabei fällt ihr auf, dass sie um 43,60 Mark betrogen wurde. Die Bank gibt den Fehler nach längeren Hin und Her zu.

Pressebild, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

«Gerade weil ich dies oft auseinanderlaufen liess, dass im Ton etwas anderes erzählt wurde, als im Bild gezeigt, wurde die Doppelbödigkeit der italienischen Sprache, vor allem der in Süditalien, für das Publikum sichtbar.»

Gertrud Pinkus, Videointerview, 2023

Im Interview spricht Gertrud Pinkus über die Entstehungsgeschichte und die Machart des Films. Das Anliegen, das Schweigen zu brechen, war auch für die Vorführungen zentral. Gertrud Pinkus erläutert die bewusste Entscheidung, den Film ausserhalb des üblichen Kino-Kontextes aufzuführen, um den Film den Menschen zu zeigen, von denen er erzählt.

«Der ganze Film ist so angelegt, dass man danach diskutiert.»

Gertrud Pinkus, Videointerview, 2023

Wie auf dem Flyer zu Beginn zu sehen ist, fand die Schweizer Premiere von Il Valore della donna è il suo silenzio nicht in einem Kino statt, sondern in einem Treffpunkt für italienische Emigrant:innen, der Casa d’Italia in Zürich. Gertrud Pinkus erinnert sich ebenso an eine Aufführung in Zusammenarbeit mit der Gruppo Feminile Soletta in Zuchwil (Solothurn), einem feministischen Kollektiv, das von italienischen Emigrant:innen gegründet worden war. In Deutschland fand eine Aufführung etwa im Mercedes-Werk in der Nähe von Stuttgart statt, wo auch viele Arbeiter: innen aus Italien tätig waren.

Die Fotografie zeigt Gertrud Pinkus im Gespräch mit dem italienischen Botschafter aus Bonn (links) und dem italienischen Konsul aus Stuttgart (rechts) anlässlich der Vorführung im Mercedes-Werk in Stuttgart.

Photo Anlass, Cinémathèque suisse

Der Film hat ein offenes Ende, das zu Debatten anregen sollte. Ein zentraler Bestandteil dieser Vorführpraxis waren Diskussionsrunden, die im Anschluss an die Projektion stattfanden. Gertrud Pinkus filmte einige dieser Gespräche, etwa in Zuchwil, und schnitt diese Aufnahmen zu einem Kurzfilm zusammen. Dieser sollte als Nachspann gezeigt werden, falls bei einer Projektion keine Diskussion stattfinden konnte. Er wurde 1981 an den Solothurner Filmtagen uraufgeführt und gilt, gemäss heutigem Wissenstand, als verloren. Die deutschen Untertitel des Kurzfilms – das Dokument, über das Gertrud Pinkus im Videointerview spricht – sind in der Cinémathèque suisse archiviert.

Auch in Zürich fanden Diskussionsrunden statt, wie auf diesen Bildern aus dem Volkshaus Zürich ersichtlich wird. Zu sehen sind auch für die Protagonistin Maria gesammelte Wünsche und Nachrichten.

Vorführung im Volkshaus, Photo Anlass, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980

Vorführung im Volkshaus, Photo Anlass, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980

Nicht nur den Menschen in der Diaspora in Deutschland und der Schweiz wollte Gertrud Pinkus den Film zeigen und zur Diskussion stellen, sondern auch den Zurückgekehrten und Daheimgebliebenen. Dank der Unterstützung des Goethe-Instituts und von Pro Helvetia konnte sie eine fünfwöchige Reise unternehmen, die von Genua über Bologna und Neapel bis nach Sizilien führte. Sie besuchte mit ihrem Cinema Mobile, das eine Leinwand, einen Projektor und Lautsprecher umfasste, Städte und Dörfer Italiens. 

Die Fotografie zeigt, wie ein Mann in Aliano (Basilicata) oder Melicuccà (Kalabrien) die Filmaufführung ankündigt.  

Vorführung in Aliano oder Melicuccà, Photo Anlass, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980, Cinémathèque suisse

In einem Reisebericht schildert Gertrud Pinkus ihre Eindrücke von diesen Aufführungen, die Reaktionen des Publikums und die Begegnungen mit den Menschen in den verschiedenen italienischen Dörfern und Städten.

 «Im Dorf versichern sich die Leute mehrmals, ob die Vorstellung denn tatsächlich gratis und wirklich die ganze Bevölkerung eingeladen sei und natürlich auch, ob der oder jene im Film zu sehen sind. Es herrscht helle Aufregung. Wir haben an diesem Tag etwa fünfzehn Mal zu Mittag gegessen und ebensoviele Cafè mit Licore getrunken. [...] Um halbacht wird der Saal geöffnet. Um acht sind ungefähr 500 Personen im Zuschauerraum, 300 sammeln sich vor der Schule. Aliano zählt zur Zeit ca. 1600 Einwohner. Ausser den kleinen Kindern, den Schulmädchen und den ganz alten Leuten ist ungefähr das ganze Dorf zur Vorstellung gekommen. Wir stützen mit aller Kraft den Projektor, an ein Abspulen des Films ist nicht zu denken. Don Pierino steigt auf die Leiter, versucht zu ordnen. Eine Schar zwölfjähriger Buben haben die besten Sitzplätze erobert. Ich versuche sie zu überreden, zugunsten ihrer Mütter darauf zu verzichten. Vergebens. Ich rege stehende ältere Frauen an, die Lümmel von den Sitzplätzen zu vertreiben, um selber sitzen zu können. Sie winken ab. ‹Aber wenn die Buben doch sitzen wollen!› Zähneknirschend beschliesse ich, mich nicht mehr in fremde Sitten einzumischen. Don Pierino schlägt vor, mit dem Film ins Freie zu ziehen. Es ist recht kühl. Wir einigen uns auf eine Zweitvorführung für die Jugend um 22 Uhr.»

Gertrud Pinkus, Medium, 1982

Der Film beginnt mit Erzählungen von Maria über ihr Heimatdorf in Lukanien, einer Region in Süditalien. Dazu werden dokumentarische Aufnahmen aus dem nahegelegenen Dorf Aliano gezeigt. Mit dem fertigen Werk reiste Gertrud Pinkus dorthin zurück. Das folgende Bild zeigt die Regisseurin, wie sie Plakate für die Vorführung anbringt. Auf diese Weise schliesst sich der Kreis vom Beginn der Erzählung zu seiner Aufführung in Aliano.

Vorführung in Aliano, Photo Anlass, Il valore della donna è il suo silenzio, Gertrud Pinkus, 1980

Der Film Il Valore della donna è il suo silenzio kann auf mehreren Plattformen gestreamt werden. Informationen dazu finden sich auf filmo.ch. Für die Publikation Texte zum frühen feministischen Film der Schweiz verfassten Margrit Tröhler und Fiona Berg Artikel zu Getrud Pinkus' Film, online zu finden in Repérages – Zeitschrift der Cinémathèque suisse.