
Angestossen durch feministische Bestrebungen entstanden in den 1970er-Jahren die ersten Frauenhäuser in Europa. Im Zentrum der Frauenhausbewegung stand der Schutz von von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen. Die Frauenhäuser sollten als Zufluchtsort dienen und Unterstützung bieten. Auch die Dokumentarfilmerin Marianne Pletscher (geb. 1946) engagierte sich dafür, dieses Anliegen in der Schweiz voranzutreiben. Ihr 1977 veröffentlichtes Buch Weggehen ist nicht so einfach sowie der Fernsehbeitrag Geschlagene Frauen in der Schweiz für die Sendung CH-Magazin (SRF), in dem sie gewaltbetroffene Frauen interviewte, fanden grosse Beachtung in den Medien und förderten gesellschaftliche Diskussionen.
«Auch in der Schweiz braucht es ‹Frauenhäuser›, wie es sie im Ausland bereits gibt. Hier können Frauen tagsüber und vor allem nachts Schutz finden.»
Marianne Pletscher, TV Magazin, 1977

Wenn Männer ihre Frauen schlagen, Zeitungsartikel, 1977, Cinémathèque suisse
1979 wurde in Zürich das erste Frauenhaus der Deutschschweiz eröffnet. Hier drehte Marianne Pletscher ein Jahr später für das Schweizer Fernsehen den Dokumentarfilm Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann (1980). Laut Pletscher handelt es sich dabei um den ersten Dokumentarfilm der Schweiz, der von einem ausschliesslich mit Frauen besetzten Team realisiert wurde. Sie führte Regie, Charlotte Eichhorn übernahm die Kamera, Rosmarie Schläpfer war für den Ton und Christine Weibel für den Schnitt verantwortlich. Eine Woche lang hielt sich das Team im Frauenhaus auf und porträtierte dort den Alltag.
Ein gemaltes Büchlein, das Marianne Pletscher nach den Dreharbeiten als Geschenk erhielt, fasst die Ereignisse der Dreharbeiten zusammen.
Wenn alles schief geht, machen wir einfach eine Woche Ferien im Frauenhaus, Archivdokument, Cinémathèque suisse

Wenn alles schief geht, machen wir einfach eine Woche Ferien im Frauenhaus, Archivdokument, Cinémathèque suisse








Überliefert sind auch Fotografien von Zeichnungen von Kindern, die sich mit ihren Müttern im Frauenhaus aufhielten.

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse
Nicht nur in Bezug auf die Besetzung des Filmteams kommt dem Film eine hohe historische Bedeutung zu. Ende der 1970er Jahre wurde im Fernsehen die Filmtechnik zunehmend mit Videotechnik ersetzt. Das Team um Marianne Pletscher setzte eine damals neue Videokamera zum ersten Mal für die Realisierung eines Dokumentarfilms ein. In einem in der Cinémathèque suisse archivierten Text mit dem Titel ENG-Artikel, den Marianne Pletscher für eine interne Publikation des Schweizer Fernsehens verfasste, diskutiert die Regisseurin Vor- und Nachteile der neuen Technik. Das Kürzel ENG steht für die englische Bezeichnung der Technik (Electronic News Gathering).
Im Interview beschreibt Marianne Pletscher die Rahmenbedingungen der Dreharbeiten und das Potential der neuen Technik.
ENG-Artikel, Archivdokument, Cinémathèque suisse

ENG-Artikel, Archivdokument, Cinémathèque suisse







Die Fotografien zeigen Marianne Pletscher, Charlotte Eichhorn und Rosmarie Schläpfer während den Dreharbeiten.

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse
«Die Möglichkeit zum Visionieren half entscheidend mit, dass sich ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zwischen Filmenden und Gefilmten entwickeln konnte.»
Marianne Pletscher, Videointerview, 2023
Die neue Technik ermöglichte es, das Material sofort mit allen Beteiligten vor Ort zu sichten. Auf den Bildern ist zu sehen, wie die Frauen und Kinder des Frauenhauses die Aufnahmen des Tages anschauen.

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse

Diapositiv, Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann, Marianne Pletscher, 1980, Cinémathèque suisse
Marianne Pletscher arbeitete seit den frühen 1970er-Jahren bis zu ihrer Pensionierung 2011 für das Schweizer Fernsehen und realisierte während 40 Jahren zahlreiche Reportagen und Dokumentarfilme. In der Medienbranche der 1970er Jahre waren Frauen in Führungspositionen jedoch selten anzutreffen. In einem Artikel aus dem Schweizer Frauenblatt wird Marianne Pletscher zu diesem Umstand und ihrer Arbeit beim Schweizer Fernsehen befragt.
«Als Frau diskriminiert gefühlt habe ich mich eigentlich nur ganz am Anfang; ich war eine der ersten Frauen in der Tagesschau und noch sehr jung, da braucht es schon einige Zeit, bis ich voll akzeptiert war, in- und ausserhalb des Hauses. So hat mich einmal Bundesrat Tschudi, als ich ihn interviewen wollte, gefragt, ob ich das Töchterchen des Kamermanns sei…»
«Nach meinem ersten Film über ‹geschlagene Frauen in der Schweiz› fühlte ich mich nämlich erstmals diskriminiert, man(n) versuchte mich als Emanze abzustempeln und in das Ghetto der Frauenthemen abzudrängen.»
Marianne Pletscher, Schweizer Frauenblatt/mir Fraue, 1982
Medien-Eiszeit und die Frauen, Zeitungsartikel, 1982, Cinémathèque suisse

Medien-Eiszeit und die Frauen, Zeitungsartikel, 1982, Cinémathèque suisse





Das Medienecho zu Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann war gross und widerspiegelt die Dringlichkeit des Themas. Viele der zeithistorischen Artikel beschreiben den Tabubruch und wie mit dem Film ein bis anhin verschwiegenes Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde.
«Der Report vom Dienstagabend war hautnah, hart und ohne voyeuristischen Beigeschmack.»
Barbara Bosshardt, Tages-Anzeiger, ohne Datum

Hautnah - ohne Voyeurismus, Zeitungsartikel, Cinémathèque suisse
«Marianne Pletscher und ihre Kolleginnen haben nicht versucht, auch zu erklären, warum diese Männer ihre Frauen misshandeln (…) Ihnen ging es zuallererst darum, die erschütternden Tatsachen darzulegen und die Kraft der Solidarität spürbar zu machen.»
Rolf Käppeli, Tages-Anzeiger, 6.5.1980

Im Haus für misshandelte Frauen, Zeitungsartikel, 1980, Cinémathèque suisse
«Es ist ein parteiischer Film: von Frauen gemacht über (und mit) Frauen wird ein Thema dokumentiert, das keine Sensationshascherei erträgt und dennoch Publizität nötig hat.»
C. G., Zeitung nicht identifiziert, 6.5.1980

Im Frauenhaus gelernt auch ein Mensch zu sein, Zeitungsartikel, Cinémathèque suisse
Für die Publikation Texte zum frühen feministischen Film der Schweiz verfasste Sophie Holzberger einen Artikel zu Marianne Pletschers Film, online zu finden in Repérages – Zeitschrift der Cinémathèque suisse. Der Film kann für private und schulische Zwecke bei Marianne Pletscher angefragt und für kommerzielle Veranstaltungen bei Telepool bestellt werden.
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