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La Fille de Prague avec un sac très lourd (1979)

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La Fille de Prague avec un sac très lourd (1979)

Eine Schweizerin in Paris: Annäherung, Freundschaft, Solidarität

Seit den späten 1960er Jahren bis heute lebt und arbeitet die in Lausanne geborene Regisseurin Danielle Jaeggi in Paris. Der von der Cinémathèque suisse 2021 restaurierte Film La Fille de Prague avec un sac très lourd (1979) war ihr erster abendfüllender Spielfilm.

Plakat, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

Der Arbeitstitel des Films lautete: Anne, ma soeur Anne, ne vois-tu rien venir (Anne, meine Schwester Anne, siehst du nichts kommen)? Vermutlich 1975 verfasste Danielle Jaeggi eine erste Projektskizze, der sie ihren Lebenslauf voranstellte. Nach ihrem Studium an der renommierten Filmschule Institut des Hautes Études Cinématographiques (IDHEC, heute: La fémis) realisierte Danielle Jaeggi mehrere Kurzfilme, war als Videoaktivistin mit dem Kollektiv Les Cent Fleurs Teil der französischen Frauenbewegung (Mouvement de libération des femmes, MLF) und arbeitete als Cutterin für Chris Marker und Marguerite Duras.

Fotogramm, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

Pressebild, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

Archivdokument, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

Milena, die Protagonistin von La Fille de Prague avec un sac très lourd kommt aus Prag nach Paris zu ihrer Freundin Sophie. In ihrem Sack befinden sich in der Sowjetunion verbotene Filme, Musik und Texte, die sie ihrem politisch linken Umfeld in Paris und den westlichen Medien zugänglich machen möchte. Ihre Erzählungen stossen jedoch auf Unverständnis und auch sie beobachtet das Geschehen in Paris mit einem distanzierten Blick.

Fotogramm, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

Fotogramm, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

Fotogramm, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

«In diesem Film möchte ich die Differenz der Blicke spürbar machen», so beschreibt Danielle Jaeggi das Anliegen des Films in der Projektskizze. La fille de Prague erzählt von kulturellen Differenzen, aber auch von Annäherungen und Freundschaften trotz Unterschieden.

Pressebild, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

Fotogramm, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

«Ich war Feministin. Und ich bin es immer noch.»

Danielle Jaeggi, Videointerview, 2024

Im Interview spricht Danielle Jaeggi über die feministischen Perspektiven des Films, seine Medienkritik sowie über die Restaurierung durch die Cinémathèque suisse.

Die beiden Szenen, die Danielle Jaeggi im Interview diskutiert, nehmen Bezug auf damals aktuelle aktivistische Bewegungen. Bei den Fotografien, die der Zeitungsredaktor nicht abdrucken will, handelt es sich um tatsächlich existierende Bilder des für die Zeitung Libération tätigen Fotografen Christian Weiss. Sie zeigen streikende Arbeiterinnen in Cerizay. Das Kollektiv Les Cent Fleurs, zu dem auch Danielle Jaeggi gehörte, hatte diesen Streik 1973 im Video Cerisay, elles ont osé dokumentiert.

Diese feministische Medienkritik kehrt auch in der zweiten Szene wieder. Eine Gruppe linker Aktivistinnen will Bewohner:innen eines Vororts interviewen. Der Versuch, einer Frau zuzuhören und ihre Erfahrungen aufzuzeichnen, scheitert jedoch. Wie es Danielle Jaeggi im Interview formuliert, wollte sie damit aufzeigen, wie etablierte Medien Perspektiven von Frauen und politischen Aktivist:innen unterdrückten.

Fotogramm, La Fille de Prague avec un sac très lourd, Danielle Jaeggi, 1978, Cinémathèque suisse

«wir, wer ist das? wir? frauen sind nicht alle gleich, haben nicht die gleichen probleme. du bist anders als ich und den gemeinsamen kampf muss man zuerst lernen. [...] frauenfilm? feministischer film? betrachten wir nicht nur uns, unser leben, sondern die gesellschaft und ihre zahlreichen beziehungen mit unseren eigenen augen, eigenen erfahrungen, mit unserem willen zur veränderung.»

Danielle Jaeggi, Frauen und Film, 1974

1974 publizierte Danielle Jaeggi in der Zeitschrift La Revue du cinéma einen Artikel mit dem Titel Film de femmes. Darin reflektiert sie das damals neu entstehende feministische Filmschaffen. Wie in La fille de Prague hält sie auch hier fest, dass es innnerhalb der feministischen Bewegung kein einheitliches Wir gibt und plädiert dafür, die Gesellschaft als Ganzes zu betrachten und zu verändern.

Der Text erschien später in deutscher Übersetzung in der ersten Ausgabe der von Helke Sander initiierten feministischen Filmzeitschrift Frauen und Film. Die Übersetzung verweist auf den internationalen Austausch zwischen den feministischen Regisseurinnen der 1970er Jahre. Danielle Jaeggi war insbesondere der Regisseurin Claudia von Alemann freundschaftlich verbunden, die 1973 in Berlin das Erste internationale Frauen-Filmseminar mitorganisiert hatte.

In den Sammlungen der Cinémathèque suisse sind viele zeithistorische Kritiken des Films archiviert.

«Wir hoffen, dass Danielle Jaeggi ihren Platz unter den jungen Frauen finden wird, die sich in den letzten Monaten (Coline Serreau, Diane Kuris…) im französischen Kino durchgesetzt haben, nicht durch eine feministische Proklamation, sondern weil sie als Frauen eine neue Sensibilität einbrachten, die das Kino dringend benötigte.»  

Jean Delmas, Jeune Cinéma, 1978

Der Film La Fille de Prague avec un sac très lourd wurde 2021 von der Cinémathèque suisse restauriert und digitalisiert.