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Cinéjournal au féminin (1980)

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Cinéjournal au féminin (1980)

Eine feministische Medienkritik: Die staatlich beauftragte Repräsentation in Frage stellen

Ab 1940 gab der Bundesrat Filmbeiträge in Auftrag, die wöchentlich im Vorprogramm aller Kinosäle der Schweiz gezeigt wurden. Die Kurzbeiträge der Schweizer Filmwochenschau behandelten gesellschaftliche, kulturelle, sportliche und politische Themen in den drei Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch und wurden bis 1975 produziert.   

Für die Realisierung des Films Cinéjournal au féminin (1980) visionierten Lucienne Lanaz (geb. 1937) und Anne Cuneo (1936-2015) vier Wochen lang Beiträge der Filmwochenschau. Ihr Ziel ist es, zu untersuchen, wie Frauen darin dargestellt werden. Die Bilanz ist vernichtend: « Le Cinéjournal suisse comprend 9000 sujets environ. 300 seulement de ces 9000 sujets sont consacrés aux femmes », schreibt Anne Cuneo 1980. Cinéjournal au féminin ist eine Montagefilm, der eine Auswahl dieser Beiträge zeigt und kritisch kommentiert. Er verdeutlicht damit die patriarchale Haltung der im staatlichen Auftrag produzierten Wochenschau. 

Pressebild, Cinéjournal au féminin, Anne Cuneo, Lucienne Lanaz, Erich Liebi, Urs Bolliger, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Cinéjournal au féminin, Anne Cuneo, Lucienne Lanaz, Erich Liebi, Urs Bolliger, 1980, Cinémathèque suisse

Beteiligt am Film waren auch Erich Liebi und Urs Bolliger, in der Mitte dieses Bildes der Dreharbeiten ist der Archivar der Filmwochenschau, George Bartels, zu sehen.

Pressebild, Cinéjournal au féminin, Anne Cuneo, Lucienne Lanaz, Erich Liebi, Urs Bolliger, 1980, Cinémathèque suisse

«Unser Drehbuch befasst sich mit der Präsenz und der Absenz der Frau in der Filmwochenschau.»

Anne Cuneo, Travelling, 1980

Frauen werden in der Filmwochenschau hauptsächlich in stereotypen Rollen als Hausfrauen, Mütter, Models oder Stars gezeigt, wobei die Bilder oft von einem misogynen Kommentar begleitet werden. Die konservative Repräsentation von Frauen veränderte sich während der 35jährigen Produktionszeit der Filmwochenschau kaum. Lucienne Lanaz und Anne Cuneo stellen sich auch die Frage, wer und was alles nicht sichtbar wurde. 

«Sartre teilt sich das Bild mit Simone de Beauvoir, die jedoch mit keinem Wort erwähnt wird – im Text existiert sie schlichtweg nicht.»

Anne Cuneo, Travelling, 1980

 

«In den Nachrichten existieren nur Staatsoberhäupter, bekannte Persönlichkeiten, Stars und außergewöhnliche Ereignisse. Und Persönlichkeiten werden bei ihrer Ankunft am Flughafen oder während einer Pressekonferenz gezeigt und nicht in ihrem täglichen Leben. Das heißt nicht, dass der Alltag im SFW völlig ausgeblendet wird – aber er ist eine Rarität und wird nie als eigenständiges Thema betrachtet.»

Anne Cuneo, Travelling, 1980

 

 

«Die fast vollständige Abwesenheit von intellektuellen und arbeitenden Frauen sowie das Fehlen der Arbeiterklasse als Thema im Cinéjournal.»

Anne Cuneo, Travelling, 1980

 

Travelling 58, Ciné-Journal suisse au féminin 1940-1975, Zeitschrift, 1980, Cinémathèque suisse

Travelling 58, Ciné-Journal suisse au féminin 1940-1975, Zeitschrift, 1980, Cinémathèque suisse

Travelling 58, Ciné-Journal suisse au féminin 1940-1975, Zeitschrift, 1980, Cinémathèque suisse

Travelling 58, Ciné-Journal suisse au féminin 1940-1975, Zeitschrift, 1980, Cinémathèque suisse

Travelling 58, Ciné-Journal suisse au féminin 1940-1975, Zeitschrift, 1980, Cinémathèque suisse

Travelling 58, Ciné-Journal suisse au féminin 1940-1975, Zeitschrift, 1980, Cinémathèque suisse

Travelling 58, Ciné-Journal suisse au féminin 1940-1975, Zeitschrift, 1980, Cinémathèque suisse

Travelling 58, Ciné-Journal suisse au féminin 1940-1975, Zeitschrift, 1980, Cinémathèque suisse

1980 widmete die von der Cinémathèque suisse herausgegebene Zeitschrift Travelling dem Film eine Ausgabe. Anne Cuneo verfasste dafür einen eindrücklichen Text zur Entstehungsgeschichte des Films und zur Analyse der beiden Regisseurinnen.

 

Anne Cuneo, Lucienne Lanaz sowie eine fiktive Journalistin, gespielt von Therese Bernhard, treten selbst im Film auf. Der Absenz einer vielfältigen und differenzierten Darstellung von Frauen in den offiziellen Medien stellen sie drei unterschiedliche, selbstbestimmte und aktiv handelnde Frauenfiguren entgegen. Am Schluss des Films treten Vertreter:innen anderer marginalisierter Bevölkerungsgruppen auf, die in der Filmwochenschau ebenso unsichtbar bleiben. 

«Wir haben eine letzte Szene, in der ausländische Frauen, Angestellte und Arbeiter sagen, dass ‚auch über sie nicht gesprochen wurde.‘»

Anne Cuneo, Travelling, 1980

Mit ihrer feministischen Medienkritik erobern sich die Frauen die Deutungshoheit zurück und bestehen darauf, aus eigener Perspektive erzählen zu können.

«Es gab Männer, die haben es nicht ertragen, dass ich jemand werde und jemand bin. Heute ist es selbstverständlicher, dass eine Frau auch ihre Dinge macht, aber ich kann euch sagen, in den 1960er und 1970er Jahren war das nicht so. Da musst du rauskommen und das braucht Zeit. Dieser Film war ein Weg, um zu sehen, was man machen kann, um diese Strukturen ein wenig zu verändern.»

Lucienne Lanaz, Videointerview, 2023

Viele Regisseurinnen der 1970er und 1980er Jahre berichten über Schwierigkeiten bezüglich der Finanzierung ihrer Filme oder einem eingeschränkten Zugang zu männlich geprägten Institutionen und Netzwerken. Dies wird im Fall von Cinéjournal au féminin besonders deutlich. Im Interview erinnert sich Lucienne Lanaz an die Schwierigkeiten, das Filmprojekt zu finanzieren. Sie zitiert aus einem Brief, den sie 1978 an Ursula Stein in Budenheim schickte, in der Hoffnung, in Deutschland finanzielle Unterstützung zu finden.

«Das ganze Produktionsproblem sieht zwar in der Schweiz nicht rosig aus, da es sich beim Material der Schweizer Filmwochenschau um teilweise staatliches Gut handelt und alle Männer, die dahinter stecken oder auch nicht sich nicht gerne kritisieren und leicht bespötteln lassen. Das Deutschschweizer Fernsehen hat eine Ko-Produktion bereits abgelehnt mit den lakonischen Worten ‹Das Projekt interessiert uns nicht›».

Brief Lucienne Lanaz an Ursula Stein, 21.7.1978

Der verantwortliche Fernsehredaktor wirft den Regisseurinnen in seiner Antwort vor, dass sie keine kritische Analyse leisten können und ihr Zugang zu subjektiv sei.

Diese Finanzierungsschwierigkeiten führten dazu, dass Anne Cuneo und Lucienne Lanaz unter prekären Bedingungen gratis arbeiteten oder sogar eigenes Geld investierten. Zudem verweist Anne Cuneo auf berufliche und familiäre Mehrfachbelastungen, da beide Regisseurinnen auch die zeitliche und finanzielle Verantwortung für ihre Kinder trugen: «Wir beide trugen die Hauptverantwortung für unsere Familien, uns blieb nur halbtags Zeit für unser Projekt, da wir die übrige Zeit brauchten, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten»

Pressebild, Cinéjournal au féminin, Anne Cuneo, Lucienne Lanaz, Erich Liebi, Urs Bolliger, 1980, Cinémathèque suisse

Pressebild, Cinéjournal au féminin, Anne Cuneo, Lucienne Lanaz, Erich Liebi, Urs Bolliger, 1980, Cinémathèque suisse

In den Sammlungen der Cinémathèque suisse finden sich zahlreiche Kritiken zum Film. Ein Artikel in den Neuen Zürcher Nachrichten würdigt die medienkritische Analyse der Regisseurinnen, die aufzeige, wie der einseitige Gebrauch der Medien die Herrschaftsstrukturen der Gesellschaft spiegle. In der Zeitung 24 heures zeigt sich ein:e Kritiker:in beeindruckt, wie der Film den sexistischen Diskurs der scheinbar unschuldigen Bilder offenlege.

Wie die beiden Regisseurinnen feststellen, liesse sich eine solche repräsentations- und ideologiekritische Betrachtung der Wochenschau auch auf andere Themenbereiche beziehen. Die Wochenschau ist heute über die Memobase, das nationale Rechercheportal für das audiovisuelle Kulturgut der Schweiz, zugänglich.

«Wir sind der festen Überzeugung, dass die SFW eine wahre Fundgrube für die Untersuchung aller ideologischen Superstrukturen in ihren spezifisch schweizerischen Ausprägungen ist – wir hoffen, dass unser Ansatz zu den Frauen für weitere Forschung zu diesem  Material dient, das einen wesentlichen Teil des kulturellen Erbes unseres Landes darstellt.»

Anne Cuneo, Travelling, 1980

Der Film Cinéjournal au féminin kann online gestreamt werden. Informationen dazu finden sich auf artfilm.ch.